61. Gesamtkonferenz ev. Militärgeistlicher 07. - 11.03.16

01. April 2016

Die diesjährige GeKo in Hamburg, ausgerichtet vom Nordkonvent unter der Ltg. des Ltd. Militärdekans Armin Wenzel, stand unter dem Motto „Eine Welt in Frieden und Gerechtigkeit“. Sie wurde zum einen durch die derzeitige polititsche Lage bestimmt. Zum anderen legten Martin Luthers Schriften zu Friedens-, Wirtschafts- und Finanzethik, mit ihrer auch heute noch aktuellen Brisanz, deutliche Schwerpunkte.

Wie immer war der Montag und der Dienstag bis zum späten Nachmittag internen Gesprächen der Militärseelsorge vorbehalten. Wir Gäste – Militärseelsorger aus den Niederlanden, Österreich, Frankreich, Polen und Tschechien, Angehörige der Bw und der EAS, Axel v. Freymann für die CoV und ich für den AKS – wurden bei einer Begrüßungsrunde um 18:00 Uhr offiziell ins Thema eingeführt. Der EAS, der CoV und dem AKS dankte Militärbischof Rink ausdrücklich für die konstruktive Unterstützung.

Der Mittwochvormittag wurde durch die 2 Hauptvorträge, die den 7 Arbeitsgruppen am folgenden Donnerstag als Grundlage dienten, ausgefüllt.
Im 1. Vortrag des Ratsvorsitzenden der EKD Dr. Heinrich Bedford-Strohm stelle dieser in einer m.E. für ihn ungewöhnlichen Deutlichkeit die Bedeutung des Evangeliums für die Weltgesellschaft in den Mittelpunkt. Ausgehend von Luthers Aussage über die „Freiheit des Christenmenschen“ legte er sowohl friedensethisch als auch ökonomisch 3 Thesen aus:
    1.    Die innere Freiheit ist Grundlage für die äußere Freiheit und umgekehrt.
    2.    Der Dienst am Nächsten ist sowohl persönlich als auch öffentlich.
    3.    Die Zivilgesellschaft kann nur noch global ausgeführt werden.
Zum Abschluss betonte Dr. Bedford-Strohm die Legitimität eines Waffeneinsatzes  durch Polizei und Militär auch aus christlicher Verantwortung, als letzte Möglichkeit zur Friedenserhaltung, Friedenssicherung oder Friedenserzwingung.

Der 2. Vortrag „Politik in der Weltgesellschaft“ von Dr. Florian Kühn, Universität Magdeburg, beschrieb nüchtern und detailliert – aber auch sehr distanziert – einige sicherheitspolitische Zusam-menhänge für die derzeitige Situation im Nahen und Mittleren Osten sowie in Nordafrika. Ausgehend vom Verfall des Osmanischen Reiches nach 1917/18 mit der Entstehung von willkürlich gebildeten politisch relativ schwachen Staaten, und einhergehend mit dem Führerungsverlust des Westens in diesen Ländern, sind die Ursachen eher soziologischer und nicht unbedingt religiöser Art. Diese“neuen“ Staaten sind nicht wie die westlichen Nationen Steuer- sondern Rentenstaaten (Ausnahme Israel), d.h. die Staatseinnahmen beruhen größtenteil nicht auf Vorleistungen und Investitionen, sondern auf Finanzzuflüssen wie z.B. dem Ölexport, dem Tourismus oder wie in Ägypten auf Einnahmen aus den Gebühren für die Nutzung des Suezkanals. Diese Einnahmen werden dann von den Führungsschichten meist monopolartig an sich selber, in ihren Familien und Stammesclans verteilt. Aufkommende Unruhen und Unzufriedenheit der Bevölkerung werden mit finanziellen Zuwendungen oder staatlichen Repressalien durch Polizei und Militär unterdrückt und klein gehalten. Investitionen in Bildung, Infrastruktur und Wirtschaft erfolgen kaum oder nur halbherzig. Ein gesunder und stabiler Mittelstand kann sich daher nur schwer und ungenügend bilden. In diesen Staaten sollte daher der Mittelstand gezielt gefördert und gestärkt werden. Da dies jedoch nur sehr unzureichend der Fall ist, entsteht durch dieses wirtschaftliche Vakuum auch ein gefährliches Machtvakuum, verbunden mit einem Gefühl der Benachteiligung und Unterlegenheit gegenüber den westlichen Demokratien. Diese gesellschaftlichen Verhältnisse werden derzeit von radikalen Organisationen nun gezielt zur Mitgliederrekrutierung ausgenutzt, zumal das dortige Verständnis von Demokratie und Pluralismus nicht mit dem westlichen Verständis übereinstimmt. Eine Entschärfung dieses Konfliktpotentials bietet nur der gezielte Aufbau und die Stärkung einer gesunden und gebildeten Mittelstandsschicht, was allerdings nur langfristig erreicht werden kann.

Nach dem anschließenden Mittagessen ging es am Nachmittag mit dem Angebot zu verschiedenen Exkusionen weiter, die der Geschichte und der derzeitigen sozialen Entwicklung der Stadt gewid-
met waren:
    1.    Auswanderermuseum Ballinstadt
    2.    2. Erstaufnahmeeinrichtung für Migranten
    3.    Café Sperrgebiet (Hilfe für Prostituierte im Stadtteil St. Georg)
    4.    Internationales Maritimes Museum Hamburg  
    5.    Seemannsmission Duckdalben.
Leider musste sich jeder für eine der angebotenen Exkursionen entscheiden.

Am Donnerstagmorgen wurden die 2 Vorträge vom Vortag in 7 Workshops weiter diskutiert:
    1.    Das Evangelium in der Weltgesellschaft
    2.    2. Deutschland als Verantwortungsträger in der Welt
    3.    Wirtschaftsethik in Zeiten der Finanz- und Staatenkrise
    4.    Flucht und Migration- Ziel Europa,  
    5.    Integrative mlitärische Berufsethik im „Lebenskundlichen Unterricht (LKU)
    6.    Die neue Welt der Finanzmärkte und die „alten“ Warnungen Martin Luthers
    7.    Für Pfarrer/-innen: Theorie und Praxis seelsorgerlicher Begleitung von Soldaten.
Nach dem Mittagessen bestand die Möglichkeit, durch „Hummeln“ -kurze Besuche in den Seminarräumen- die Ergebnisse der anderen Workshops zu erfahren, bis es dann um 16:00 Uhr zum Festgottesdienst mit anschließendem Empfang durch den Militärbischof in die Hauptkirche St. Katharinen am Rand der Speicherstadt ging.

Nach der Rückkehr ins Hotel wurden dann die Tageserfahrungen, wie jeden Abend zuvor, bis weit in die Nacht und teilweise bis zum frühen Morgen ausgetauscht, bzw. die Zeit zum gegenseitigen Kennenlernen genutzt -bei über 150 Tagungsteilnehmern knüpft man immer wieder neue Beziehungen-.

Nach dem Reisesegen am Freitagmorgen hieß es dann „Tschüss“, verbunden mit dem Wunsch -so unser Gott will- des Wiedersehens spätestens auf der 62. GeKo in Ulm 2017, anlässlich des 70. Jahrestages des Militärseelsorgevertrages.

Udo Dickes