Seelischer Kollateralschaden
Einsatzbelastung / Afghanistan - 2011
Krieg zerstört die Psyche von Soldaten. Der Kampf gegen die Taliban hat ihn krank gemacht. Nun kämpft Mathias um die Anerkennung seiner Leiden. Hier seine Geschichte:
Wieder eine dieser Nächte, in der ihn unerträgliches Wachsein peinigt, obwohl er todmüde ist. Mathias liegt erschöpft auf seinem Bett, die Nacht hängt tief und schwer im Zimmer, so schwer, wie ihm der Krieg seit zwei jahren in den Knochen steckt. Er dämmert weg - und sitzt wieder auf dem hinteren rechten Sitz eines Fahrzeugs auf einer Straße in Afghanistan. Es rollt aus einem Dorf namens Haji Amanullah, die Soldaten haben eineinhalb Stunden dort verbracht, viel Zeit für den Feind, einen Hinterhalt zu legen. „Wer steht, der stirbt”, murmelt er vor sich hin, als der „Dingo” anfährt. „Wer steht, der stirbt.” Plötzlich ein Schlag, als würde ein Riese seine Keule gegen den Wagen schmettern. Der Wagen wirbelt durch die Luft, Mathias wird vom Sitz geschleudert. Mit Krachen schlägt der Transporter wieder auf die Erde, Staub rieselt durch die Kabine. „Bombe! Bombe!”, brüllt jemand. „Raus!”
... der Typ hat die Bombe gezündet.
Um ihn herum zischen Raketen. Er hört die Schreie der Angreifer, „Allahu akbar!“, sie sind nah. Er feuert pausenlos, verschießt alle Munition.
Doch die Angreifer metzeln einen Kameraden nach dem anderen nieder, sie sind nicht aufzuhalten. Er zieht die Pistole, und als auch das letzte Magazin leer ist, will er wegrennen. Die Beine versagen ihm, die Knie sind weich wie Butter, unendlich langsam schleppt er sich voran. Die Füße scheinen am Boden zu kleben, er zerrt sie hoch, versucht sie nach vorn zu werfen. Von hinten schließen sich zwei Hände um seinen Hals, ziehen ihn zurück auf den Boden. Ein Bärtiger springt auf seine Brust, ein Messer in der Hand. Er spannt alle Muskeln an, packt die Hand, in der der Mann das Messer hält. Er stemmt sich mit aller Kraft dagegen, doch das Messer kommt seiner Kehle immer näher.
Er presst, schreit- und wacht brüllend neben dem Bett auf.
Seit mehr als 18 Monaten geht dieses Martyrium nun schon, Nacht für Nacht die Albträume, eine Endlosschleife existenzieller Erfahrungen. Er hat in Afghanistan gekämpft und führt den Krieg jetzt in seinem Kopf weiter. Ein traumatisierter Mann, einer von Hunderten, deren Seele am Hindukusch zerstört worden ist. Die in Kliniken um ihr altes Leben kämpfen, um den Weg zurück in die Normalität, die es für die meisten von ihnen doch nicht mehr geben wird. Sie haben monatelang in Extremen gelebt, mit höchstem Einsatz gespielt und erwartet, dass die Gesellschaft ihnen dafür dankt. Sie kamen in ein Land zurück, in dem sich kaum jemand für ihre Erlebnisse interessiert.
Von den Flashbacks, den plötzlichen Erinnerungsschüben, kann er sich nicht befreien. Es muss ihn jemand ansprechen, berühren, und dann passiert es, dass er aufbraust, um sich schlägt. „Die Freund-Feind-Kennung funktioniert in solchen Augenblicken nicht“, sagt er. Dann wieder spaziert er durch die Heide — und zieht Schützengräben hindurch. Er überlegt, wo er das Maschinengewehr positionieren würde, wo den Granatwerfer, um einen Angreifer ins Kreuzfeuer nehmen zu können.
Er wird krankgeschrieben und im November in das Bundeswehrkrankenhaus eingewiesen, Abteilung Psychiatrie/Psychotherapie. Seitdem hat er keinen der Kameraden aus seinem Verband mehr gesehen, weder den Bataillonskommandeur noch andere Vorgesetzte. Ein Soldat, zurück aus dem Krieg, vergessen in der „Klapse“, in der Truppe noch immer als Schwächling und Weichei stigmatisiert.
Posttraumatisches Belastungssyndrom (PTBS), so heißt die Krankheit, die ihn befallen hat. lm Ersten Weltkrieg sprachen die Mediziner von „Kriegszittern“ oder „Shell Shock“, im Zweiten Weltkrieg von „Battle Fatigue“.
Ohne Behandlung bleibt die Erkrankung über Jahrzehnte erhalten. Angst, Grauen, die schrecklichen Bilder von Tod und Verwundung werden im Gedächtnis immer wieder leidvoll inszeniert. Verbunden mit einer ständig erhöhten Erregbarkeit, Schreckhaftigkeit, Schlaflosigkeit und Albträumen, ziehen sich die Betroffenen aus Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis zurück. Sie werden zu freudlosen, ängstlichen, depressiven und aggressiven Menschen, zu einer Gefahr für sich und ihr Umfeld.
Seitdem Deutschland in Auslandseinsätzen engagiert ist, steigt die Zahl der an PTBS erkrankten Soldaten kontinuierlich. Mit Beginn der Kampfhandlungen in Afghanistan im Jahr 2008 schnellte sie förmlich nach oben. Nach Bundeswehrangaben wurden seit 1996 mehr als 2200 Soldaten mit PTBS behandelt. Die Dunkelziffer liegt laut einer Studie der TU Dresden bis zu doppelt so hoch. Im Verteidigungsministerium in Berlin gibt es mit dem Brigadegeneral Christof Munzlinger seit Jahresbeginn einen „Beauftragten PTBS“. Munzlinger sagt, er wolle „die vorhandenen Kräfte bündeln, unnötige Bürokratie vermeiden, Prozesse beschleunigen und dort helfen, wo Hilfe gebraucht wird“. Truppe, Wehrmedizin, Verwaltung, Seelsorge und Sozialarbeiter sollten gemeinsam erkrankten Soldaten den Weg zurück ins Leben ebnen.
Die Bundeswehrbehörden brauchen mehr als ein Jahr, um darüber zu befinden, was offensichtlich ist: Dass er psychisch erkrankt ist und Hilfe braucht. Doch die Bundeswehr prüft erst einmal, ob er auch wirklich im Militärdienst traumatisiert wurde oder die Erkrankung nicht aus seinen Kinder- oder Jugendjahren herreicht. Die Armeebürokraten fürchten bei WDB-Anträgen an PTBS erkrankter Soldaten, sie könnten Simulanten aufsitzen, die nur Geld wollten.
Sein Fazit: „Sie haben uns geil gemacht auf den Krieg. Niemand hat sich da um unsere Seele geschert. Jetzt stellen sie fest, dass wir einen Dachschaden haben und versuchen, sich davonzustehlen.“
auszugsweiser und leicht geänderter Bericht aus "Loyal 6/2011"

