Vergesst nicht unsere (verletzten) Soldaten!

Afghanistan - 05. Juli 2011

»Dass die Gesellschaft von den Rückkehrern kaum Notiz nimmt, ist für die Betroffenen belastend … Als blanken Zynismus empfinden unsere Soldatinnen und Soldaten es, wenn ihnen dann auch noch die Schuld an ihrer Verletzung zugeschoben wird.«

Dr. Martin Dutzmann (Detmold) ist Evangelischer Militärbischof und Landessuperintendent der Lippischen Kirche.

Über 7.000 deutsche Soldaten sind derzeit im Ausland eingesetzt und gehen dabei hohe Risiken ein. In Afghanistan verloren im vergangenen Jahr neun deutsche Soldaten ihr Leben, 82 wurden verwundet. Die Auslandseinsätze der Bundeswehr verändern unsere Soldatinnen und Soldaten. Das war zu erwarten, doch wird das Ausmaß erst allmählich sichtbar. Die Öffentlichkeit hat inzwischen zur Kenntnis genommen, dass nicht wenige Soldatinnen und Soldaten mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) nach Hause zurückkehren. Diese Erkrankung kann dazu führen, dass Ehen, Familien und Freundschaften zerbrechen. Dass viele Rückkehrer körperliche Schäden davongetragen haben, wird hingegen totgeschwiegen. Manche sitzen im Rollstuhl, andere haben das Augenlicht verloren oder leiden an chronisch starken Schmerzen. Und dann sind da jene Soldatinnen und Soldaten, die zwar weder seelisch noch körperlich verwundet sind, die aber einfach keinen Menschen finden, mit dem sie über ihre Einsatzerfahrungen sprechen können. Sie fühlen sich von niemandem verstanden.
Ihre Schicksale sind kaum eine Zeile wert
Dass die Gesellschaft von den Rückkehrern kaum Notiz nimmt, ist für die Betroffenen belastend. Wer sich nach einem Gefecht in Kunduz mit Schussverletzungen im Rollstuhl wiederfindet, muss enttäuscht darüber sein, dass die Medien lang und ausführlich über das tragische Schicksal des in der Sendung „Wetten, dass…?“ verunglückten jungen Mannes berichten, während das eigene Ergehen den Zeitungen kaum eine Zeile wert ist. Wer das erlebt, stellt sich die Frage: War ich nicht im Auftrag der Bundesrepublik Deutschland und also auch dieser Gesellschaft unterwegs, die mich jetzt so konsequent ignoriert? Als blanken Zynismus empfinden unsere Soldatinnen und Soldaten es, wenn ihnen dann auch noch die Schuld an ihrer Verletzung zugeschoben wird: „Du musstest ja nicht Soldat werden…“ Man mag die Auslandseinsätze der Bundeswehr und besonders den Einsatz in Afghanistan für falsch halten. Dann möge man aber die Kritik bitte an die richtige Adresse richten, nämlich an Bundesregierung und Bundestag.
Die Soldaten brauchen Fürbitte
Die evangelische Kirche sieht sich aus zwei Gründen in der Pflicht, öffentlich auf das Problem der Rückkehrer hinzuweisen: Zum einen brauchen diese Männer und Frauen Unterstützung – übrigens auch durch die Fürbitte in unseren Gottesdiensten. Zum anderen muss deutlich werden, dass wir es hier mit den Kosten der Auslandseinsätze zu tun haben, die das Parlament im Blick haben muss, wenn es sein Mandat erteilt.

(Quelle: idea-Spektrum 04.2011)


1 Kommentar

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#1 Ulrich Weiß schrieb am 31.07.2011 05:49 answer email

Ich danke Bischof Dutzmann für seinen Aufruf, für die verletzten Soldaten einzustehen. Wer nicht selbst in einer so extremen Situation war, wie sie unsere Soldaten täglich im Einsatz erleben, kann nicht nachvollziehen, wie groß die seelischen Belastungen der Männer und Frauen tatsächlich sind. Die Folgen, die Bischof Dutzmann benennt, verändern radikal das Leben der Betroffenen. Das erleben wir in unserem Dienst immer wieder.

Die Soldatinnen und Soldaten senden sich nicht selbst in die Einsätze sondern werden durch ihren Dienstherren abgeordnet und tun ihre Pflicht für Deutschland. Sie haben darum mehr Respekt und Unterstützung durch unsere Gesellschaft verdient.

Als Christen sind wir aufgerufen, für unser Land, unserer Regierung und unsere Politiker zu beten (1. Timotheus 2, 1-4). Darum kann ich nur bekräftigen, wenn Bischof Dutzmann sagt, dass die Soldaten Fürbitte brauchen. Das gilt aber nicht nur für die verletzten Rückkehrer, sondern für alle Soldaten - ob im Einsatz oder im soldatischen Alltag.

 

Soldatinnen und Soldaten mit ihren Angehörigen brauchen unser Gebet. Darum unterstützen wir den Aufruf von Militärbischof Dutzmann.