09.11.2018

Wittenberg-Tagung für militärische Führer 2018

"Hier stehe ich…" Vorbild sein in christlicher Perspektive

Schon der im Thema angedeutete Bezug zu Luthers (angeblichem?) Ausspruch auf dem Reichstag zu Worms 1521 macht die Brisanz und Tragweite eines jeglichen Führungsverhaltens – egal ob militärisch oder zivil – deutlich.
In der Begrüßung am Mittwochnachmittag ging MilBischof Dr. Rink vor den über 100 Teilnehmern der Konferenz ganz bewusst auf den Erwartungsdruck gegenüber Führungskräften ein. Außerdem ist in Deutschland ja der Begriff „Führer“ durch die nationalsozialistische Diktatur sehr stark belastet. Zusätzlich sind Führungskräfte / Vorgesetzte als Menschen von Natur aus mit Stärken und Schwächen behaftet.
Im 1. Hauptvortrag erläuterte Prof. Armin Nassehi aus München auf sozial- wissenschaftlicher und psychoanalytischer Grundlage, dass Menschen in Führungspositionen grundsätzlich Vorbilder sind - ob gewollt oder nicht, siehe Eltern-Kind-Beziehung -. Diese grundsätzliche Vorbildfunktion kann sowohl gut als auch schlecht sein. Gute Führung basiert auf gegenseitigem Vertrauen, und bildet eine Machtbeziehung auf Gegenseitigkeit. Dieses Vertrauen zeigt sich besonders in Ausnahmesituationen, z.B. in Kampfeinsätzen. Denn hier müssen Entscheidungen in kürzester Zeit umgesetzt werden. Für lange Erklärungen und Diskussionen bleibt in diesen Situationen keine Zeit.
2.Hauptvortrag: Oberst Prof. Rogg schilderte unter dem Thema „Das Zeug zum Helden – Vorbildhaftes Handeln militärischer Führer im Geschichtsverlauf“, dass die meisten „Helden“ erst nach ihrem Tod zum Heroen hochstilisiert wurden, und damit eine sozialpolitische Konstruktion sind, während Vorbilder natürlicher Art sind, und damit auch in der Tragweite „mehr“ bedeuten. Auch die „christlichen Helden“ sind konstruierte Idealgestalten, die analog der Sagenhelden der Antike zu diesen aufgebaut wurden. Vor allem der in den Freiheitskriegen gegen Napoleon entstandene Mythos vom „Tod fürs Vaterland“ sprach besonders im 1. und 2. Weltkrieg in den Schlachten an allen Fronten Hohn.
In der nächtlichen Stadtführung durch Wittenberg nach dem gemeinsamen Abend- essen, wurden uns neben aller Vorbildlichkeit der Reformatoren, ebenso ihre Nöte, Ängste, Krisen und Fehler in ihren Lebensläufen noch einmal klar vor Augen geführt.
Beide Vorträge und die Stadtführung boten im anschließenden Zusammensein an der Hotelbar eine große Menge an Gesprächsstoff, so dass einige Teilnehmer einen recht langen Tag, dafür aber eine kurze Nacht hatten.
Donnerstagmorgen setzte nach der Morgenandacht von Dr. Rink in der Schlosskirche, die Münchner Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler die Tagung mit dem 3. Thema „Freiheit und Verantwortung – Vorbild sein aus evangelisch-theologi-  scher Perspektive“ fort. Sie führte aus, dass nur in der engen Verbindung an Jesus  Christus wir unsere Stärken als „anvertraute Pfunde“  entwickeln und einbringen können. In der Nachfolge Jesu sind wir als „Licht und Salz der Erde“ dann gute Vorbilder. In der Zusammenfassung sagte sie: „Jesus Christus ist Wahrheit, Verlässlichkeit und Erlöser. Er hat uns die Gesamtheit von Geist, Leib und Geschöpflichkeit vorgelebt.“
Nach dem anschließenden Zwischenkaffee besichtigten wir die Stätte der Mahnung an der Stadtkirche St.Marien (Luthers Predigtkirche). Im 12. Jahrhundert wurde dort ein Relief angebracht, mit dem die jüdischen Mitmenschen diffamiert und ausge- grenzt wurden. Diese Darstellung einer Sau (das Schwein gilt im Judentum als äußerst unrein), an der es sich Juden scheinbar gut gehen lassen, gibt es auch an anderen Orten in Deutschland, z.B. in Regensburg, aber durch Luthers Schmähschriften gegen die Juden hat diese Darstellung eine verstärkte Brisanz. Die Gedenktafel (Stolpersteine), die Informationsstele und die in der Nähe gepflanzte Zeder sollen gegen die Ausgrenzung und Verfolgung unserer jüdischen Mitmenschen ein Zeichen setzen. Diese Antwort der heutigen Wittenberger Gemeinde kann zwar missverständlich sein, wehrt aber der Gefahr des Vergessens. Bei dem anschließenden Hintergrundgespräch im nahegelegenen Bugenhagenhaus zwischen Stadtpfarrer Dr. Block und Dr. Rink, kam deutlich zum Ausdruck, das der Antijudaismus  Luthers und anderer seiner Zeitgenossen unter den zeitlichen theologischen Auffassungen der damaligen Zeit zu Stande kam, und keineswegs direkt in den rassistischen Antisemitismus incl. der Shoa  bis heute führte, jedoch die Ausbreitung und den Verlauf der letzten Judenverfolgungen begünstigten. Warum Luther und andere die Bibelstellen aus Römer 9 – 13 so ignorierten und sich zu solchen Hasstiraden hinreißen ließen, lässt sich heute nur schwer nachvollziehen.
Am Nachmittag vertieften wir unsere Eindrücke in 7 Workshops, die dann nach dem Abendessen in einer Podiumsdiskussion noch weiter gefestigt wurden. Unter  Anderem wies MilGenDekan Heimer noch einmal darauf hin, dass nur in der Verbindung zu unserem Herrn Jesus unser Leben als Vorbild gelingen kann. Im Hinblick auf Jesus Christus stellt sich hier für MilGenDekan Heimer die Frage, „brauchen wir überhaupt dann zusätzlich noch den makellosen menschlichen Helden?“
Im abschließenden Reisesegen am Freitagmorgen, ging Dr. Rink noch einmal durch den Lehrtext der Losung vom 19.10. auf Jesu Wort, dass wir Licht und Salz sind, ein.  Im Vertrauen auf IHN allein, heißt es nicht, wir können oder möchten es doch sein, sondern wir sind es, weil ER uns befähigt.
Unter dem Segen unseres Gottes sagten wir dann nach dem Segenslied „Möge die Straße uns zusammen führen“ Gott befohlen, und auf Wiedersehen.